PHEBE2004@MYSUNRISE:
www.phebe.ch
Die Geschichte einer Ankunft.
Am 3. Januar 2004 ist Phebe zur Welt gekommen. Sie hat das PWS.
Nicole und Jost, ihre Eltern, erzählen. (Das Gespräch
wurde von Esther Könz aufgezeichnet).

Nicole: Als ich im siebenten Monat schwanger war, hatte ich immer
stärker das Gefühl, dass irgendetwas nicht in Ordnung
sei. Vergleichsmöglichkeiten gab es keine für mich, weil
es meine erste Schwangerschaft war. Mich irritierte, dass mein Kind
so still war. Von anderen Müttern hörte ich immer, dass
sich das Kind im Bauch oft heftig bewege. Meines hielt sich ganz
ruhig. Ein Ultraschall zeigte, dass alles in Ordnung sei, nur das
Kind ein wenig kleine erscheine. Deshalb schickte mich meine Ärztin
zu einer Abklärung ins Spital wo ich auch zur Geburt angemeldet
war. Am 22. Dezember, bei einem weiteren Untersuch im Spital wurde
dann klar, dass mein Kindchen wirklich sehr klein war und vermutlich
auch nicht mehr wachsen würde. Da ich gleichzeitig leichte
Wehen hatte - die ich gar nicht als das wahrnahm, wie sollte ich
auch - musste ich im Spital bleiben.
E.K. So hast du, Nicole, die Feiertage im Spital verbracht. Wie
war das für euch?
Jost: Es war vielleicht etwas ungewöhnlich. Aber die kleine
Einschränkung machte uns nichts aus. Es ging ja um das Wohl
unseres Kindes und dafür wollten wir alles tun. Und wir freuten
uns auf das Kind. Die Tage nach Neujahr wurden dann aber sehr turbulent.
Ich fand es bewundernswert, wie ruhig Nicole in dieser unübersichtlichen
Situation blieb. Man hätte damals leicht auch die Nerven verlieren
können. Nicole gab mir durch ihre ruhige und starke Haltung
viel Kraft und Mut.
Nicole: Es war dann so, dass die Ultraschalluntersuchung deutlich
zeigte, dass unser Kind nicht mehr wuchs. Daraufhin beschloss die
leitende Ärztin, Phebe solle möglichst bald zur Welt gebracht
werden. So kam unsere Phebe am 3. Januar mit einem Kaiserschnitt
zur Welt. Bereits vor der Geburt wurde bestimmt, dass unser Kind
auf die Neonatologie gebracht werden würde.
Jost: Dass wir unser Kindchen nicht bei uns haben konnten, tönt
vielleicht schlimm. Doch uns ging es gut. Wir fühlten uns von
der betreuenden Ärztin verstanden und begleitet. Es war auch
so, dass wir die Neonatologie-Abteilung noch vor der Geburt aufsuchen
und kennen lernen konnten. Wir waren zuversichtlich, wir wussten,
wie es weitergehen würde.
Nicole: Es kam dann aber schon Einiges auf uns zu. Die Ärztin
merkte rasch, dass mit Phebe etwas nicht stimmen konnte. Deshalb
wurde Phebe sechs Tage
nach der Geburt von Prof Schinzel von der Unikinderklinik untersucht.
Er hatte den Verdacht, dass es PWS sein könnte.
Jost: PWS? Wir hatten keine Ahnung, nie davon gehört. Drei
Stichworte blieben uns aus einem ersten Gespräch in Erinnerung:
klein, dick und auf lebenslängliche Lebens- und Lernunterstützung
angewiesen.
Nicole: Mir war das zu diesem Zeitpunkt gar nicht so wichtig. Für
mich war nur eine Frage zentral: würde Phebe lebensfähig
genug sein um ihren frühen Start ins Leben verkraften zu können?
E.K. «wie war das mit Familie und Freunden in diesen ersten
Tagen nach Phebes Geburt?»
Jost: Als klar wurde, dass etwas mit Phebe nicht war wie es sein
sollte, haben wir unseren Freunden SMS Botschaften geschickt und
ihnen darin gesagt, dass mit Phebe etwas nicht ganz in Ordnung sei.
Weil wir noch nicht wüssten, um was es sich handle baten wir
sie, uns keine Fragen zu stellen. «Bitte akzeptiert, dass
wir jetzt nicht darüber reden möchten, lasst und eine
Zeit der Ruhe.» Wir wollten einfach vorläufig alles auf
die Seite schieben was vielleicht einmal an Problemen auf uns zukommen
würde. Das wurde von der Familie wie auch von unseren Freunden
voll respektiert. Es war ja alles noch ganz unsicher. Der Arzt hatte
nur einen Verdacht geäussert. Wir brauchten diese Zeit einfach
für uns und zur Verarbeitung des Geschehens seit Nicoles Spitaleintritt.
Nicole: Phebe war jetzt schon fast drei Wochen in der Frühgeborenen-Abteilung,
Jost und ich gingen bis zu viermal täglich zu Phebe, wir verbrachten
eigentlich den ganzen Tag mit ihr und waren mehr oder weniger nur
zum Schlafen in unserer Wohnung. Wir wollten einfach die Hauptkraft
für unser Kind zur Verfügung haben.
Jost: Einmal, als wir wieder in die Abteilung kamen, wurde uns
gesagt, wir könnten Phebe jetzt nach Hause mitnehmen. Es musste
für die Leute dort wohl merkwürdig geklungen haben, als
Nicole so klar meinte: «Nein, jetzt nehme ich Phebe nicht
nach Hause - sie soll jetzt ruhig noch hier bleiben». Wir
wollten Phebe einen zweimaligen Szenewechsel in so kurzer Zeit nicht
zumuten, denn sie sollte am darauf folgenden Tag in der Unikinderklinik
abgeklärt werden. Nicole und ich hatten den Eindruck, dass
der Transport direkt aus der Neonatologie in den Kinderspital für
Phebe viel weniger aufwändig und strapaziös sei als wenn
dazwischen noch die Züglete nach Hause stattfinden würde.
Nicole: Dann aber durfte Phebe, nachdem sie die ersten 24 Tage ihres
Lebens in der Frühgeborenenabteilung verbracht hatte, nach
Hause kommen. Wir hatten bereits während der Spitalzeit sehr
viel Zeit darauf verwendet, Phebe mit einer Flasche das Trinken
zu lehren, wir wollten nicht, dass sie nur mit der Sonde ernährt
würde. Ich selbst hatte im Spital das Sondieren auch gelernt,
und weil ich geschickt war, konnte ich das rasch. Phebes Ernährung
war also auf jeden Fall gesichert. Wir mussten nur noch zum Sondenwechsel
ins Spital - diese heikle Sache wollte ich nicht selbst machen.
Wir setzten auch zuhause alles daran, dass Phebe selbst trinken
lernte. Das brauchte viel Zeit. Trotz der viel rascheren Sondeernährung,
verbrachten wir mit Schöppelen. manchmal bis zu einer Stunde.
Wir finden, dass sich dieser Aufwand gelohnt hat.
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E.K.: Jetzt kam das Warten auf die Diagnose?»
Jost: Es war eigentlich merkwürdig. Man würde sich doch
vorstellen, dass man sich in einer solchen Situation sofort nach
der Bedeutung des PWS, nach weiss ich nicht was allem, erkundigen
würde. Uns erging es ganz anders. Wir wollten einfach einmal
warten bis die Diagnose feststand. In dieser Zeit lebten wir für
Phebe, freuten uns an ihr, waren froh, dass wir sie endlich zuhause
haben durften und - wir taten gar nichts anderes. Uns war es in
dieser Zeit wichtig uns nicht mit Eventuellem oder Möglichem
oder Unmöglichem auseinander-zusetzen. Wir befanden, es sei
nach einer Diagnose noch früh genug, uns Informationen zu holen
und zu handeln.
Nicole: Dann aber hatte das Warten ein Ende. Die Diagnose PWS wurde
uns auf unseren eigenen Wunsch telefonisch bestätigt. Jetzt
mussten wir erst einmal die Diagnose verdauen. Sofort nach dem Gespräch
in der Kinderklinik entschlossen wir uns, für die weitere medizinische
Begleitung und Behandlung Dr.med. Urs Eiholzer, den PWS-Spezialisten
mit Privatpraxis, aufzusuchen. Seine Adresse wurde uns noch im Kinderspital
vermittelt.Jost: Aber wir mussten jetzt erst einmal uns selbst in
die neuen Situation einfinden.
Nicole: Ich werde nie mehr vergessen wie ich nach der Anmeldung
bei Dr. Eiholzer von der Praxishilfe (inzwischen ist es für
uns Claudia und Dr. Eiholzer ist Urs) auf mein »wir haben
ein PWS-Baby» ein vernehmlich freundliches «Jäh,
wie herzig» zu hören bekam. Das tat mir so gut. Ich fühlte
mich bereits am Telefon liebevoll willkommen geheissen.
Jost: Wir kannten nun Phebes Diagnose, aber wie sollte es weiter
gehen? Im Internet holten wir uns erst einmal Informationen. Wir
hätten gerne rasch einen Kontakt zur schweizerischen PWS-Vereinigung
hergestellt. Aber leider gelang das nicht. (Der Zusammenprall von
verschiedenen technischen Schwierigkeiten legte zu jener Zeit die
Homepage der schweizerischen PWS-Vereinigung, wie auch die e-mail
Verbindung lahm. Sorry Nicole und Jost. Eine neue, funktionierende
Version wird demnächst aufgeschaltet. Die Red.) Glücklicherweise
half die deutsche PWS-Vereinigung mit Informationsmaterial aus.
Wir wussten nun Einiges übers PWS - und wir fühlten uns
sehr alleine!
Nicole: Ja, der Monat März war schwierig für uns, im
April wurde es dann besser. Ein Satz von Urs Eiholzer begleitete
uns lange. Er sagte zu uns: «Vergesst die Probleme, lebt einfach!»,
dieser Ausspruch hat uns sehr gut getan. Glücklicherweise kam
dann auch der Kontakte zur PWS-Vereinigung der Schweiz zustande.
Für uns am allerwichtigsten war, dass wir dadurch eine Familie
kennen lernten die in der Nähe wohnte und ein fast gleichaltriges
PWS-Kind hatte. Das ist eine wunderbare und wertvolle Beziehung
geworden - und ich glaube, das beruht auf Gegenseitigkeit.
Jost: Jetzt sind bereits wieder Monate vergangen. Phebe geht es
gut, uns auch. Wir haben unseren Lebensrhythmus gefunden. Wir freuen
uns bereits auf Phebes Geschwisterchen.
E.K.: Was war in diesem Jahr noch wichtig?
Nicole: Für mich war der Familientag ein wichtiges und sehr
gutes Erlebnis. Ich - und lost auch - wir hatten Angst, weil wir
uns nicht vorstellen konnten wie es sein würde, so viele PWS-Kinder
auf einmal zu sehen. Vielleicht würden wir erschrecken, vielleicht
mutlos werden. Was wir dann erlebten, machte uns ganz verblüfft.
Abgesehen von einigen wenigen älteren PWS-Kindern die dick
waren, trafen wir überwiegend schlanke Kinder an. Teilweise
konnten wir überhaupt nicht erkennen, welche der Kinder das
PWS hatten und welche nur Geschwister waren. Das war ein grosser
Rufsteller für uns und das gibt uns viel Hoffnung und Zuversicht.
Ich fand es interessant festzustellen, dass man am Familientag mit
einem PWS-Kind «normal »ist. Auch das Gefühl, einfach
willkommen zu sein, das tat uns gut. Die Generalversammlung mit
dem Seminartag bleibt auch in guter Erinnerung. So vielen fröhlichen
positiven Eltern zu begegnen, gute Gespräche zu führen,
das war wirklich fein. Manchmal brauchte es nur ein Stichwort, und
man verstand sich. Einfach toll!

E.K: Habt ihr einen Wunsch?
Jost: Ja. Jetzt ist Phebe noch klein, Aber mein sehnlichster Wunsch
wäre, dass es bis zu dem Zeitpunkt wo Phebe erwachsen wird,
in unserer Nähe ein Heim für PWS- Menschen geben wird.
Nicole: Ja, das wäre mir auch wichtig. Denn so gerne ich jetzt
in den nächsten Jahren Mutter bin, ich möchte auch das
Gefühl haben, dass es dann einmal, später, auch für
mich wieder Freiräume geben wird. Ja, ein PWS-Heim nahe bei
uns-das wäre sehr
schön!
E.K: Danke, Nicole und Jost, dass ihr von euren Anfängen mit
Phebe erzählt habt.
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