Alexander: von der Schwierigkeit,
die richtige Schule zu finden
Wer sind wir?
Wir sind eine deutsche Familie und wohnen in Nyon im Waadtland.
Rüdiger kam schon als Physikstudent der Universität München
Mitte der siebziger Jahre zu CERN (Europäisches Laboratorium
für Teilchenphysik) nach Genf und lebt seitdem in der Schweiz.
Eva ist Juristin und kam erstmals 1976 mit einem Stipendium an die
Universität Genf. Heute arbeiten wir beide bei CERN, Rüdiger
als Physiker in der Forschung und Eva als Leiterin der Rechtsabteilung.
1986 haben wir geheiratet und im Dezember 1987 wurde Alexander
geboren. Obwohl kein Arzt sofort eine Diagnose stellen konnte, war
sofort ersichtlich, daß Alexander ein schweres Gesundheitsproblem
hatte. Er war sehr hypoton, trank nicht und schrie kaum. "Alles
nicht so schlimm", tröstete uns kompetent einer der vielen
Ärzte, die damals in der Geburtsklinik um uns herumschwirrten,
"zur Not tritt die Invalidenversicherung ein".
Alexander kurz nach der Geburt im Dezember 1987.
Nach vielem Beturnen nach Vojta und Bobath machte Alexander jedoch
gute Entwicklungsfortschritte, saß mit 8 Monaten, lief mit
18 Monaten und begann beinahe normal früh zu sprechen. Nachdem
im April 1990 sein Bruder Maximilian gesund zur Welt gekommen war,
wurde im August 1990 bei Alexander, der zu diesem Zeitpunkt gut
zweieinhalb Jahre alt war und deutlich an Gewicht zunahm, an der
Uni-Klinik Münster in Deutschland die Diagnose PWS gestellt.
Alexander beginnt zu laufen (1989)
Für uns brach erst einmal die Welt zusammen. Fragen stellten
sich wie: Sollen wir besser nach Deutschland zurückgehen (Sprache,
Familie, Sozialversicherungssystem, etc.)? Kann Eva in dieser Situation
weiter berufstätig sein? Nach vielen schlaflosen Nächten
haben wir uns gesagt, daß es Alexander und dem Rest der Familie
nicht zuträglich ist, wenn seine Eltern ihre gesamte Lebensplanung
auf den Kopf stellen und daß wir versuchen sollten, Alexander
und seinen speziellen Bedürfnissen ohne Aufgabe unserer eigenen
beruflichen Ziele gerecht zu werden. Wir entschieden: Alexander
hat genügend Probleme, er braucht nicht auch noch beruflich
frustrierte Eltern.
Erste Versuche auf dem Fahrrad (1992)
Alexander (rechts) und sein jüngerer Bruder Maximilian im
Urlaub an der Côte d'Azur (1992).
Kindergarten- und Vorschulzeit
Da uns empfohlen wurde, ihn so früh wie möglich schulisch
zu fördern und er von seiner sonstigen Entwicklung relativ
fit war, meldeten wir Alexander im Alter von 3 Jahren im internationalen
CERN-Kindergarten an, der ebenfalls die Vorschule umfaßt.
Damit folgten wir nicht dem Rat der Psychologen, wonach wir entweder
nach Deutschland zurückkehren oder in der Familie nur noch
französisch sprechen sollten. Alexander war nämlich angeblich
nicht in der Lage, zwei Sprachen zu erlernen. Dank des ausgesprochen
engagierten und verständnisvollen Personals hat Alexander sich
im CERN-Kindergarten sehr gut entwickelt und ist dort insgesamt
vier Jahre lang sehr kompetent und liebevoll betreut worden. Zudem
hat er dort wie die anderen Kinder die Anfänge des Lesens,
Schreibens und Rechnens erlernt. Französisch lernte Alexander
genauso gut wie Deutsch, und entwickelte in beiden Sprachen einen
sehr guten Wortschatz und ein außergewöhnliches Sprachgefühl.
In vielen Gesprächen machten uns seine Betreuerinnen immer
wieder klar, daß sie Alexander nicht für geistig behindert
hielten, und daß er in einem geeigneten Rahmen, der auf sein
spezielles Verhalten einzugehen vermag, durchaus dem normalen Primarschulprogramm
folgen könne.
Primarschulzeit
Die Betreuer aus dem Kindergarten rieten uns deshalb, für
Alexander eine normale Schule mit kleinen Klassen zu suchen. So
verbrachte Alexander sein erstes Schuljahr in der "Ecole active
de Malagnou", einer kleinen Privatschule mit speziellem pädagogischem
Konzept. Aus verschiedenen Gründen, die teilweise, aber nicht
ausschließlich mit Alexanders Verhaltensproblemen zu tun hatten,
erwies sich diese Schule als ungeeignet. Insbesondere fühlte
sich der Lehrer mit Alexanders Problemen in einer Klasse von fast
20 Kindern, überfordert. Schließlich riet man uns, ihn
in "La Voie lactée" (der "Milchstraße")
einzuschulen, einer kleinen privaten Sonderschule in Meyrin bei
Genf. Hier gab es Klassen mit 6 bis 8 Schülern, die mit individuellem
Lernprogramm von 2 Pädagogen betreut wurden. Wie im CERN-Kindergarten
trafen wir auf engagierte Lehrer, mit denen sich schnell ein guter
persönlicher Kontakt ergab, der einen regelmäßigen
und unkomplizierten Austausch zwischen Schule und Eltern ermöglichte.
In der "Voie lactée" hat Alexander relativ glückliche
6 Schuljahre verbracht und das Genfer Primarschulprogramm recht
gut und komplett absolviert.
Die mit PWS verbundenen Gewichtsprobleme waren in den ersten Schuljahren
bei Alexander zwar vorhanden, haben jedoch zunächst keine dramatischen
Formen angenommen. Die Schulen waren informiert und haben versucht,
das Ernährungsproblem in ihre Betreuung einzubeziehen. Zu Hause
haben wir im großen und ganzen keine Maßnahmen wie das
Verschließen der Küche oder des Kühlschrankes eingeführt.
Von der Behandlung mit Wachstumshormonen erfuhren wir erst im Jahre
1998, als Alexander bereits 11 Jahre alt war; erst seit dieser Zeit
wird Alexander von Dr. Eiholzer betreut.
Alexander in den Sommerferien 2000
Sekundarschulzeit
Mit der Suche nach einer weiterführenden Schule nach Absolvieren
der "Voie lactée" im Sommer 2001 begann der schlimmere
schulische Leidensweg. Trotz Einschalten der waadtländischen
Schulbehörden, fanden wir keinen Schulplatz im Waadtland. Sonderschulen
waren ausgebucht, normale Schulen ungeeignet und nicht in der Lage,
Alexanders zunehmenden Verhaltensproblemen zu begegnen. Gleichzeitig
nahmen die Gewichtsprobleme mehr und mehr zu. Deswegen hat Alexander
in zwei aufeinanderfolgenden Jahren jeweils sechs Wochen in spezialisierten
Kinderkliniken in Deutschland (Bayern) verbracht und dabei jedesmal
6-8 kg abgenommen.
In Ermangelung einer besseren Lösung meldeten wir Alexander
2001 in der "Passerelle" an, einer Genfer Privatschule,
die auf Sekundarstufenniveau Kinder mit Lernproblemen betreut. Hier
mußte Alexander jeden Tag allein einen Schulweg von 30 km
mit Zug und Bus meistern, was sich schnell als untragbar herausstellte.
Außerdem wurde, entgegen den anfänglichen Zusicherungen
der Schulleitung, Alexanders Klasse, die ursprünglich maximal
12 Kinder umfassen sollte, auf 20 Kinder aufgestockt, was es der
ansonsten sehr kompetenten und engagierten Klassenlehrerin nicht
erlaubte, auf seine speziellen Lernbedürfnisse einzugehen.
Da die Schuldirektion mehr finanzielle als pädagogische Interessen
verfolgte und keinen konstruktiven Dialog mit den Eltern zuließ,
war uns nach ein paar Monaten klar, daß wir erneut die Suche
nach einer neuen Schule antreten mußten. Alexander fühlte
sich in der "Passerelle" derart unwohl, daß er zunehmend
verschlossener und oppositioneller wurde und schließlich sogar
zu Gewalttätigkeiten neigte. Im Frühjahr 2002 schrieb
er folgenden Brief, den er uns erlaubt hat, abzudrucken:
"Ich fühle mich fast jeden Tag von ihnen angegriffen.
Ich versuche alles, was ich kann, um ruhig zu bleiben, doch sie
ärgern und beleidigen mich immer wieder. Die anderen zu schlagen,
ist stärker als ich, aber ich versuche, es besser zu machen.
Ich muß zugeben, daß ich selbst nicht gerecht bin, vielleicht
bin ich brutal, aber oft habe ich das Gefühl, daß die
anderen die Terroristen der Schule sind. Und das macht mir Angst,
weil ich glaube, daß man mir Böses will. Ich bin so geboren,
mit diesen Verhaltensproblemen.
Mein Problem ist, daß es mir oft nicht gelingt, mich
verständlich zu machen. Oft, wenn man mich ärgert oder
provoziert, rege ich mich viel zu schnell auf. Manchmal ärgere
ich sie auch, aber ich bin mir nicht immer darüber im Klaren.
Und wenn ich versuche, nett zu sein, nimmt das jeder als eine Drohung.
Ich habe viele Fehler gemacht, aber das kommt daher, daß ich
mich schon lange nicht mehr wohl in meiner Haut fühle. Ich
muß unbedingt die Dinge besser machen, das heißt, ich
muß mich selbst bessern.
Ich brauche Hilfe und ein wenig Unterstützung, auch wenn
ich sie manchmal nicht akzeptiere. Aber ich muß das ändern,
statt nichts zu tun und mich zu isolieren. Doch manchmal, wenn ich
etwas sagen will, versteht man mich einfach nicht. Diese Schule
ist vielleicht nicht der ideale Ort für mich."
So konnte es offensichtlich nicht weitergehen. Spätestens
jetzt wurde uns klar, daß Alexander dringend eine neue schulische
Heimat braucht, die seine Krankheit akzeptiert und bereit ist, auf
seine Probleme und Bedürfnisse gezielt einzugehen.
Da die waadtländischen Behörden uns immer noch keine
geeignete Schule für Alexander anbieten konnten, erlaubten
sie uns, selbst (sic!!) in anderen Kantonen nach einem Schulplatz
zu suchen, den der Kanton Waadtland finanzieren würde.
Das "Schulheim Sonnhalde" in Gempen
Auf Anregung einer Mutter eines anderen behinderten Kindes kamen
wir in Kontakt mit dem Schulheim Sonnhalde, einer anthroposophischen
Einrichtung in Gempen im Kanton Solothurn. Sie wurde ursprünglich
zur Betreuung leicht autistischer Kinder gegründet.
Heute werden hier 130 Kinder und Erwachsene mit Behinderungen verschiedenster
Art betreut und gefördert. Kindergarten und Grundschule sind
weitgehend in die entsprechenden Einrichtungen der Gemeinde Gempen
integriert. Die Sonnhalde umfaßt die folgenden Zweige:
• Integrativer Kindergarten
• Vorstufe
• Heilpädagogischer Kindergarten
• Grundschule
• Werkschule
• Werkstätten
• Wohnbereiche für Kinder, Jugendliche und Erwachsene
Für alle Bereiche und Altersstufen gibt es ein reichhaltiges
Therapieangebot. Das Angebot der Sonnhalde ist zu vielfältig,
um es hier im Detail vorzustellen – mehr darüber findet
man zum Beispiel auf ihrer Website www.sonnhalde.ch.
Wir beschränken uns hier auf Alexanders – und unsere
– ganz persönliche Erfahrungen.
Nach Absolvierung einer zweiwöchigen Probezeit erschien uns
die Sonnhalde als gute Perspektive und wir waren dankbar, im Frühsommer
ein Angebot für einen Internatsplatz zu bekommen. Alexander
war auch von sich aus bereit, den großen Schritt heraus aus
dem Elternhaus zu wagen. Er besucht seit dem Herbst 2002 die Werkschule,
wo Klassen nach Fähigkeiten und Schwerpunkten gebildet werden.
Die Werkschule besteht aus:
• Schule
• Haushalt/Kochen
• Ergo/Handarbeiten
• Umgebung/Garten
und noch anderen Bereichen. Neben den schulischen Fächern
gewinnen das Werken und die praktischen Arbeiten stark an Bedeutung.
Die Jugendlichen werden, wenn immer möglich auf eine berufliche
Ausbildung vorbereitet. Leitmotive für die Jugendlichen sind:
Kennenlernen der Welt, Horizonterweiterung, Eigenständigkeit,
Umgang mit Krisen.
Wohnen in der Sonnhalde
Alexander wohnt in der “Jugendgruppe Tanne” Das Wohnkonzept
orientiert sich am Vorbild der Familie. Sechs Jugendliche teilen
sich eine schöne und großzügige Wohnung und können
ihr Zimmer individuell gestalten. Alle Jugendliche lernen die Arbeiten
des täglichen Lebens und beteiligen sich an allen Hausarbeiten.
Vier ausgebildete Heilpädagogen betreuen sie rund um die Uhr.
Alle Mahlzeiten werden in der Wohngruppe selbst eingenommen, es
gibt keine zentrale Kantine. Die Wohngruppe hatte schon früher
einen PWS-Jugendlichen betreut, der dort 25kg abgenommen hat. Auch
Alexanders Ernährungsproblem hat sie auf Anhieb in den Griff
bekommen: Alexander hat auf der Sonnhalde schnell Gewicht verloren
und hat eine neue Eigenverantwortung dem Essen gegenüber entwickelt.
Herr Pascal Conrad, Alexanders persönlicher Betreuer, beschreibt
die Situation wie folgt:
"Eines der schwierigsten Probleme des PWS Syndroms, dem
unsere Gruppe besondere Beachtung zumessen muß, betrifft die
Ernährung. In unserer Gruppe sind 6 Jugendliche. Teilweise
müssen diese Jugendlichen aus medizinischen Gründen Gewicht
verlieren, andere müssen zunehmen. Gerade während der
Pubertät, in der die Jugendlichen Autonomie und Reife erwerben
sollen, kommen andere Probleme hinzu, die auf diese Ernährungssituation
mit einwirken. Deshalb hat das Erzieherteam gemeinsam entschieden,
das Essen nicht unter Verschluß zu halten, sondern zu versuchen,
das Problem gemeinsam mit den Jugendlichen verantwortungsvoll anzugehen.
Besonders wichtig ist für uns die Frage wie wir eine Diskriminierung
derer, die abnehmen müssen, gegenüber denen, die zunehmen
müssen, verhindern können. Nach unserer Erfahrung hat
es sich als richtig erwiesen nicht dauernd "Nein" zu sagen.
Denn wenngleich es unsere Aufgabe ist, die physischen Probleme des
Jugendlichen in den Griff zu bekommen, so müssen wir doch verhindern,
hierdurch gleichzeitig neue, psychische Probleme zu schaffen. Wir
schlagen den Jugendlichen deshalb vor, ihre Essenwünsche und
Gelüste mitzuteilen, damit wir mit ihnen zusammen offen und
klar ein gesundes und verantwortungsvolles Ernährungskonzept
vereinbaren können. Dazu gehört auch, Strategien für
das Einteilen des Essens auszuarbeiten, d.h. ihnen beizubringen,
von allem weniger, aber dafür zweimal auf den Teller zu tun.
Dies verhindert Frustrationen gegenüber denen, die untergewichtig
sind und soviel essen können wie sie wollen."
Auch auf viele andere Bedürfnisse der Jugendlichen geht die
Sonnhalde individuell und intensiv ein. Nach einem Jahr dort ist
Alexander heute selbstbewußt und ausgeglichen wie seit vielen
Jahren nicht mehr. Nach den Ferien und Heimfahrwochenenden (alle
drei Wochen) kehrt er regelmäßig gern auf die Sonnhalde
zurück. Dank seiner überdurchschnittlich entwickelten
Selbständigkeit und Unabhängigkeit meistert er diese Reisen
übrigens meist ganz allein – begleiten müssen wir
ihn eigentlich nur, wenn größere Gepäcktransporte
anstehen.
Alexander im heißen Sommer 2003.
Zum Muttertag 2003 schreibt er einen neuen, ganz anderen
Brief:
Liebe Mama!
Im Lauf der Jahre hast Du mein Herz mit Freude und Glück
erfüllt. Wir wissen, daß wir schwierige und schöne
Zeiten miteinander erlebt haben. Auch in einer Familie durchqueren
Mutter und Sohn manchmal schwierige Momente. Aber wir haben uns
gern und müssen zusammenhalten.
Ein schönes Fest, Mama!
Ich habe Dich lieb
Alexander
Hoch lebe der Muttertag,
hoch lebe Mama,
hoch lebe das Glück.
Alexanders Brief zum Muttertag 2003 im französischen Original
Heute sind wir als Familie durch diese neue Schulsituation Alexanders
sehr entlastet und können ihm viel mehr positive Energie entgegenbringen.
Wir freuen uns jedesmal, wenn er nach Hause kommt und freuen uns
auch sehr, wenn er so gerne wieder – meist ganz allein mit
Zug und Bus – wieder zurück zur Sonnhalde fährt.
Das allein spricht doch Bände, oder???
Ach ja, fast hätten wir es vergessen: Tausend Dank an das
Team der Sonnhalde!!!
Eva-Maria und Rüdiger Voss
Und dann noch folgende, für Alexander sehr kennzeichnende Anekdote:
Bei einem unserer regelmäßigen Besuche bei Dr. Eiholzer
in Zürich im Jahre 2002 trafen wir im Wartezimmer auf ein junges
Elterpaar mit einem Baby im Korb. Die beiden schauten recht nervös
und es war offensichtlich, daß sie sich Sorgen um ihr Kind
machten. Alexander sprach die beiden spontan an und sagte: "Guten
Tag, ich heiße Alexander. Haben Sie auch ein Prader-Willi-Kind?
Wenn ja, dann möchte ich Ihnen nur sagen: Damit kann man ganz
gut leben!!!!"
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