Die PWS-Gruppe im Haus Schärenmatte der Stiftung Arkadis Olten
„Hier wäre eine wunderbare Bleibe für unsere erwachsenen
Kinder: wohnlich, hell und freundlich, so gar nicht mit Heimcharakter,
wie ich es mir vorstellte“, so dachte ich, als ich am Familientag
im September 1995 die Gruppenwohnungen im Haus Schärenmatte
besichtigen durfte. Von einer eigenen PWS-Gruppe konnten wir Eltern
damals nur träumen. Es ist einfach unglaublich schön,
dass jetzt in der Stiftung Arkadis die erste PWS-Gruppe der Schweiz
entstanden ist.
Das haben wir einigen initiativen und beharrlich dranbleibenden
und vorausschauenden Menschen zu verdanken! Darüber erfahren
Sie mehr im Abschnitt „Wie die Wohngruppe entstand“.
Besuch in der Wohngruppe
Als ich im Sekretariat des "Haus Schärenmatte" bei
meinem neuerlichen Besuch im April auf Herrn Peter Lehmann wartete,
mit dem ich ein Gespräch vereinbart hatte, hörte ich hinter
mir auf einmal ein Kichern und eine feine Stimme: „hallo“
sagen. Als ich mich umdrehte, standen drei junge strahlende Frauen
vor mir. Kathrin, Claudia und Luzia, begleitet von ihrer Betreuerin,
hatten bereits auf mich gewartet. Es war eine herzliche Begrüssung,
denn wir kannten uns von den PWS- Familientagen her. Sie wollten
mich sofort in ihre Gruppe mitnehmen. Aber ich musste ihnen sagen:
„Zuerst werde ich noch mit Herrn Lehmann sprechen, dann komme
ich gerne“.

Als ich dann gegen Mittag bereit bin, werde ich sofort in ihr „Ämtli-Programm“
einbezogen.
Claudia und Luzia sind zuständig, das Essen in der Zentralküche
abzuholen. Im Untergeschoss des Hauptgebäudes werde ich von
den beiden Frauen - im Hintergrund die Betreuerin - sicher durch
die Gänge gelotst, bis wir auf einmal in der grossen Zentralküche
stehen. Am Mittag ist beim Bereitstellen der Mahlzeitenwagen einiges
los, aber trotzdem begegnen mir viele fröhliche Gesichter.
In der Zentralküche steht eine grosse und vermutlich auch schwere
Speisetransportkiste auf einem Wagen bereit. Es ist spannend zu
sehen, mit welchem Spass und mit wie viel Sicherheit und Geschick
die beiden jungen Frauen das Gefährt durch die Gänge und
um die Ecken lenken. Mit dem Lift fahren wir ins Erdgeschoss und
dann ein Stück auf dem Gartenweg – sogar eine kleine
Brücke über einen Teich müssen wir umfahren –
bevor wir beim Haus C anlangen. Hier im Treppenhaus tritt Claudia
in Aktion. Der Rollstuhllift hat es ihr offensichtlich angetan.
Er wird jetzt als Transportlift für das Mittagessen genutzt.
Stolz zeigt sie mir, wie gut sie die Fernbedienung handhaben kann,
um den Wagen präzis die Stockwerke hinauf bis zur 1. und nachher
noch zur 2. Wohngruppe zu befördern. Sie lacht vergnügt
und ihre Augen blitzten vor Freude.
Dann stehen wir vor der Wohnungstüre zur ersten Gruppe. Sie
ist schwungvoll mit Cattleya angeschrieben. Wer hier steht, fühlt
sich freundlich willkommen geheissen.
Freundlich und hell ist auch der erste Eindruck in der Wohnung.
Die Möbel sind aus hellem Holz, überall stehen Pflanzen,
ein kleiner Basteltisch zeigt, dass gerade jemand an einer Arbeit
ist. Auch die Schlafzimmer strahlen viel von Privatheit aus, gemütlich
und warm wirken sie. Nur schon der verschiedenen Grundrisse wegen,
erhalten sie einen individuellen Charakter – aber auch die
Art wie sie eingerichtet sind, lässt auf sehr persönliche
Vorlieben schliessen. Kurz – es könnte irgendeine Familienwohnung
sein.
Als ich sehe, wie die Betreuerin mit einem Schlüssel die Küchentüre
aufschliesst, bin ich wieder in der "PWS-Realität":
die Küche bleibt immer verschlossen, ausser wenn etwas zubereitet
wird. Einen Schlüssel haben nur die Betreuerinnen. Das Haus
ist nur in der Nacht abgeschlossen, es wird aber darauf geachtet,
dass niemand aus der Gruppe ohne Absprache alleine weggeht.
Kalorien: Am Mittagstisch kann ich sehen, wie das geht: Wer das
PWS hat, erhält eine eigene kleine Porzellan-Schüssel.
Sie ist mit dem Namen angeschrieben. Das Essen in den verschiedenen
Schälchen ist genau energiebilanziert und was drin ist, darf
aufgegessen werden. Alle essen am Tisch das Selbe, nur die Menge
variiert. Heute gibt es Salat, Pouletstreifen Mexicaine, Griessgaletten
und eine halbe gedämpfte Tomate. Es schmeckt hervorragend.
Überhaupt ist es sehr gemütlich und familiär; auch
die Betreuerin isst mit. Wir sind zu fünft, und es ist wie
an einem Familientisch.

Nach dem Mittagessen gibt es Kaffee in der Küche, dann werden
der Tisch im Wohnraum und die Küche sauber gemacht. Darnach
steht der „Einkauf“ auf dem Tagesprogramm: Was jede
Gruppe ausserhalb der Hauptmahlzeiten für sich braucht, wird
im „Laden“, der sich in der Zentralküche befindet,
nach Bestellung abgeholt. Ich bin an einem Freitag zu Besuch und
kann so miterleben, wie wichtig dieser Einkauf für das Wochenende
für alle ist. Genau wird alles nachkontrolliert und betrachtet,
dann in die mitgebrachten Einkaufskörbe gelegt und „nach
Hause“ getragen. Dort wird sorgsam noch einmal überprüft,
ob auch wirklich alles da ist, und in die Küchenschränke
eingeräumt. Und dann wird die Küche wieder abgeschlossen.
Für alle ist jetzt eine kleine Ruhezeit im Zimmer angesagt.
Ich verabschiede mich von Claudia und Luzia die in „meiner“
Gruppe sind. Luzia sagt noch: „Es gefällt mir hier, es
ist schön hier“.
Fragen an die Teamleiterin
Die erwähnte „Ruhestunde“ nutze ich, um Frau Therese
Helfer, der Teamleiterin – sie ist diplomierte Sozialpädagogin
–, zu einigen Beobachtungen Fragen zu stellen.
E.K.: “Mir ist aufgefallen, dass sich niemand ohne Begleitung
ausserhalb des Hauses aufhält und dass die Küche und einige
Schränke abgeschlossen sind.“
T.H.: “ Es ist sinnvoll, wenn mit Hilfe des Schliesssystems
weniger direkte Kontrolle ausgeübt werden muss. Die Bewohnerinnen
und Bewohner opponieren nicht gegen diese "Einschränkung".
Sie wissen ja eigentlich, dass sie mit gewissen Freiheiten überfordert
sind. Unser Motto heisst "klare Grenzen setzen und partnerschaftlich
begleiten" Damit wollen wir Missgeschicke verhindern helfen.
Im Haus bewegen sich alle frei, und es ergeben sich für die
Bewohner kaum Möglichkeiten zu Aktionen mit nachfolgendem schlechten
Gewissen und Schuldgefühlen. Damit wollen wir auch einen Beitrag
an die Stärkung des u. e. bei allen ramponierten Selbstbildes
leisten.“
Zum Thema Appetit/Hunger beim PWS meint Therese Helfer, dass das
einfach dazugehört, „es ist die Norm und man soll ihm
gar nicht soviel Beachtung schenken. Je weniger das Thema „Essen/Hunger“
in den Vordergrund gebracht wird, umso selbstverständlicher,
bzw. unwichtiger wird es. Wir erachten es daher auch als wichtig
die Klienten in die Zubereitung von Mahlzeiten einzubeziehen. Auch
die ständige „Gewichtsangst“ verliert ihren Schrecken
weil es kaum Möglichkeiten gibt, heimlich etwas dazu zu essen.
(Tatsächlich haben hier auch Einige bereits ganz schön
an Gewicht verloren). Jeder und jede verfügt über eine
Personenwaage im eigenen Zimmer. Der tägliche Schritt auf die
Waage ist damit etwas Persönliches und kann so vorwiegend als
Selbstkontrolle erlebt werden“.
Anteil an den guten Gewichtsresultaten hat auch das gut durchdachte
Essensmanagement, angefangen bei der Mahlzeitenplanung. Die Haupt-
wie Zwischenmahlzeiten sind bis zur Erreichung des Zielgewichtes
auf 1225 kcal./Tag berechnet. Im Kasten „Kalorien“ wie
auch „Tagesplanung“ ist ersichtlich, dass die Ernährung
für PWS viele kleine Zwischenmahlzeiten enthält.

Zuständig für Ernährungsfragen ist Frau Elisabeth
Lehmann, sie ist die Leiterin der Ökonomie und verantwortlich
für den Bereich Gastronomie.
Tagesplanung:

Der Tag ist klar strukturiert. Die Abläufe bringen Abwechslung
und sind als Lernprozesse zu verstehen. Dazu sagte Peter Lehmann:
„Mir ist das Normalisierungsprinzip wichtig, d.h. u. a., das
Umfeld soll so gestaltet sein, dass Normalität entstehen kann.“
Und „Bei aller nötigen Kontrolle, ist es auch das Ziel,
dosiert mit Freiräumen umgehen zu lernen und die Selbständigkeit
zu fördern“.
Neben lebenspraktischen Arbeiten, wie Haushaltarbeiten - aufräumen,
abwaschen, putzen, zusammen einkaufen -, wird grossen Wert auf das
Erlernen und die Förderung von sozialem Verhalten gelegt. An
den Abenden gibt es Besuche bei anderen Gruppen – „Tapetenwechsel
tut manchmal gut“, meint Therese Helfer. Der Hausinterne Discoabend
oder der Lottomatch ist ebenso beliebt, wie das gemeinsame Fernsehen,
der Besuch im Freizeit- und Bildungsklub, zusammen basteln oder
auch ein Abend mit Fuss- oder Rückenmassage. Kreatives Arbeiten
gehört zum Tagesprogramm. In den Ateliers werden Töpfern,
Papierarbeit, Weben, Holzarbeit, Gartenpflege etc. angeboten. Dafür
sind täglich zwei Mal anderthalb Stunden vorgesehen.
Fitness – ein wichtiges Thema bei Menschen mit dem PWS –
gehört selbstverständlich auch dazu und wird gross geschrieben.
Es steht ein speziell eingerichteter Fitnessraum zur Verfügung.
(Beachten Sie dazu den Abschnitt „Geld – Sponsoring).
Nebst der kalorienreduzierten Ernährung ist der Aufbau von
Muskelmasse ein wichtiger Aspekt, um den Tonus zu stärken und
damit die Beweglichkeit und die Körperwahrnehmung zu fördern.
Jede Bewohnerin und jeder Bewohner trainiert wöchentlich drei
Mal nach einem durch eine Physiotherapeutin der Stiftung Arkadis
individuell zusammengestellten Programm. Zusätzlich wird am
Mittwochabend in einem nahe gelegenen Hallenbad Schwimmen angeboten,
was von allen Bewohnerinnen und Bewohnern mit dem PWS gerne wahrgenommen
wird.
Tagesablauf: (Montag bis Freitag, Wochenenden
Feiertage: individuelle Tagesgestaltung in den Gruppen)
07.00 bis 08.00 BewohnerInnen wecken, Pflege, Gewichtskontrolle,
Morgenessen zubereiten.
08.00 bis 08.40 Morgenessen
08.40 bis 09.45 Pflege, Küche, Betten machen, Zimmer
aufräumen. Zwischenverpflegung Vormittag
vorbereiten
09.45 bis 10.00 Zwischenverpflegung
10.10 bis 11.45 Beschäftigung (Ateliers), Sport, Freitag
putzen und Umgebungsarbeiten
11.45 bis12.00 Esskisten abholen (nur in Begleitung), Tisch
decken
12.00 bis 13.00 Mittagessen, Kaffee
13.00 bis 14.00 Esskiste retournieren, Einkauf erledigen
(in Begleitung), Pflege, Küchendienst,
Tische, Stuben- und Küchenboden reinigen, Sport, Spaziergang
14.00 bis 14.30 Zwischenverpflegung Nachmittag vorbereitenZwischenmahlzeit
einnehmen
14.30 bis 16.00 Beschäftigung (Ateliers)
16.00 bis 16.30 Zwischenverpflegung
16.30 bis 17.00 Ruhezeit für BewohnerInnen, im eigenen
Zimmer oder in der Wohnung
17.00 bis 17.45 Zwischenverpflegung, Wäsche bringen
und holen (begleitet)
17.45 bis 18.00 Nachtessen zubereiten, Tisch decken
18.00 bis 18.30 Nachtessen
18.30 bis 21.15 Küchendienst, Freizeitgestaltung wie
begleiteter Ausgang, musizieren, Spiele im
Haus und im Freien, Besuch empfangen, Bildungs- und Freizeitklub,
Gartenarbeiten, Abendpflege
20.00 Zwischenverpflegung, anschliessend Zahnpflege, Gewichtskontrolle
21.40 Zwichenverpflegung zur freien Verfügung durch
die Nacht abgeben
21.45 bis 07.00 Nachtruhe (Betreuung und Pflege durch Nachtwache).
Ihre Arbeit empfindet Therese Helfer als Herausforderung. Konflikte
sind vorprogrammiert – das gehört zur Arbeit. Wichtig
ist ihr deshalb, dass das Verständnis für die besonderen
Bedürfnisse der Menschen mit PWS im Vordergrund steht. Aber
auch Wertschätzung und das Recht auf eigene Lebensform sind
für sie keine leeren Worte. Sie gehören zum Alltagsprogramm
wie Anderes auch. Therese Helfer prägt für ihre Arbeit
das Bild eines Weges, auf dem es Steine hat, manchmal gar nicht
so kleine, und dass es auf diesem Weg auch Ruhebänke gibt und
freundliche Wegstrecken. Als sehr befriedigend erlebt sie den lebendigen
Kontakt, die Möglichkeit, die ihr anvertrauten Menschen immer
wieder neu zu erfahren. Unabdingbar für die Arbeit sind der
gute Teamgeist im Hause und das Wissen, von der Institution unterstützt
zu sein. “Wir orientieren uns in erster Linie an den Entwicklungsmöglichkeiten
der von uns betreuten Menschen und nicht an deren Beeinträchtigungen“.*
Wie die PWS-Wohngruppe entstand
Im Gespräch mit Peter Lehmann, Leiter des "Haus Schärenmatte"
erfahre ich viel über die Stiftung Arkadis, über ihre
Aufgaben und Ziele und über die Vorgeschichte, die zur Gründung
der PWS-Gruppen führte.
Die Idee zur Realisierung einer PWS-Wohngruppe entstand, weil eine
junge Frau mit PWS bereits 1998 in ein Wohnheim der Stiftung Arkadis
eingetreten war.
Es zeigte sich, dass die vorhandenen Angebote nicht geeignet genug
waren, um Menschen mit dem PWS auf Dauer gerecht zu werden. „Im
Wohnen war es schwierig, die Strukturen so zu organisieren, dass
sie eine Hilfe darstellten, ohne andere zu sehr einzuschränken“*.
Konkret an eine Planung konnte gedacht werden, weil das zum Haus
Schärenmatte gehörende Personalhaus immer weniger benützt
wurde. „Zunehmend fand die Idee anklang, das Personalhaus
zu einem Wohnhaus für Menschen mit dem PWS umzugestalten.“*
Bis zur Realisierung dieses Projektes brauchte es aber noch sehr
viel Beharrlichkeit und Ausdauer. Diesen Weg hier zu beschreiben,
würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen. Peter Lehmann und
seine Mitarbeiterinnen ermöglichten uns Eltern an der Generalversammlung
2003 durch ihre Ausführungen ein Bild zu machen von den enorm
vielen Fragen, Problemen und Schwierigkeiten, die es zu lösen
gab, bis die PWS-Gruppen Wirklichkeit wurden.
Nun sind im Haus C zwei für Menschen mit PWS vorgesehene Wohnungen
eingerichtet, in denen zur Zeit fünf Menschen mit PWS, drei
Frauen und zwei Männer, sowie vorübergehend zwei Menschen
mit anderen Behinderungen wohnen.
Zur Stiftung Arkadis gehören
• das Haus Schärenmatte, ein agogisch gestalteter umfassender
Lebensraum für erwachsene Menschen mit einer schweren oder
mehrfachen Behinderung mit rund 45 Wohnplätzen und ca. 50 Beschäftigungsplätzen
in 7 verschiedenen Ateliers
• das Netzwerk Wohnen für ca. 50 erwachsene Menschen
mit einer leichteren Behinderung. Das Angebot umfasst unterschiedliche
Wohnformen mit individueller Betreuung
• ein Heilpädagogischer Dienst und ein Medizinisch-therapeutischer
Dienst, in denen rund 500 Kinder, vorwiegend im Vorschulalter, behandelt
werden
• sowie ein Bildungs- und Freizeitklub für jugendliche
und erwachsene Menschen mit einer Behinderung.
* Zitate aus: „Auf dem langen Weg eines Projektes –
Menschen mit dem Prader-Willi-Syndrom finden ein auf ihre Bedürfnisse
ausgerichtetes Daheim“, von Peter Lehmann.
Bericht: Esther Könz
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