Auch Eltern werden
müde
Esther Könz
Ich möchte etwas vorausschicken:
Es ist mir nicht ganz leicht gefallen, diesen Text niederzuschreiben.
Ich bin meistens eine Optimistin. Hier berichte ich von Persönlichem,
von dem, was mir hie und da auch Mühe macht. Deshalb ist es
mir wichtig, der eher gedämpften Tonart der weiteren Ausführungen,
einen hellen „Durakkord“ voranzustellen. Er regiert
mein Leben:
Ich liebe meine Tochter, sehr, ich muss nicht einmal vorausschicken
„trotz“, ich liebe sie so wie sie ist, mit ihrer Leibesfülle,
mit ihrem wunderbaren Frohsinn, mit ihrem hellen Gemüt, mit
ihrem liebevollen Herzen. Ein Leben ohne sie kann ich mir nicht
vorstellen. Sie ist oft die Sonne in unserem Haus. –
Und nun hier zum Thema:
Mit einer 37 jährigen Tochter die das PWS hat, blicke ich bereits
auf eine lange Laufbahn als Mutter zurück. In einer Zeit, wo
das PWS noch nicht bekannt war, und die Diagnose bei unserer Tochter
deshalb auch erst im Teenageralter gestellt wurde, gestaltete sich
der tägliche Kampf um das Gewicht lange Jahre immer auch mit
der Färbung der Aussichtslosigkeit.
Manchmal spüre ich, dass die vielen Jahre der Auseinandersetzung
mit dem PWS nicht spurlos an mir vorübergegangen sind und dass
meine Spannkraft aus früheren Jahren nachgelassen hat. Das
Gefühl der Müdigkeit stellt sich vermehrt ein, auch wenn
unsere Tochter nur noch an den Wochenenden und in den Ferien das
Leben mit uns teilt und ich genügend persönliche Freiräume
habe.
Abnützungserscheinungen spüre ich mit zunehmendem Alter
vor allem im praktischen Bereich, etwa dann, wenn es ans Kochen
geht.
Ein Beispiel aus dem Alltag: wir haben zusammen einen intensives
Wochenende verbracht und ich will nun, zur Abrundung, auch ein schönes
Abendessen herrichten. Ich koche gern und es ist mir selten zuviel,
so zu kochen, dass die Mahlzeit gesund ist und auch schön aussieht.
Doch jetzt bin ich schon etwas verbraucht vom aktiven und intensiven
Wochenende. Wenn ich mir dann vor Augen führe, dass ich nun
erst mal Blätter und Stängel und Knollen für einen
vielfältigen Salat zurüsten werde, ich mir dann auch für
das Gemüsegericht noch etwas Farbenfrohes auszudenken habe,
dies dann auf Normal- und „PWS-Pfannen“ verteilen und
verschieden würzen werde etc. etc., dann kann es schon vorkommen,
dass der Gedanke „Ach was, dieses Mal lasse ich’s, ich
koche keine Extras, ich mag jetzt fast nicht mehr“ in den
Vordergrund tritt und sozusagen die Führung übernimmt.
Ab da bestimmt die Müdigkeit, wie nachlässig mein Kochen
in Bezug auf PWS-Notwendigkeiten sein wird. Dass ich dann innerlich
vielleicht nicht mehr so frei und fröhlich am Familientisch
sitze, lässt sich leicht denken.
Eine andere Situation, im Restaurant: Ich vergass vor dem Service
klar zu deklarieren, dass, was auf dem Teller serviert wird, noch
genau überprüft und allenfalls anders portioniert werden
muss - eine Abmachung, die eigentlich seit eh und je gilt, aber
es ist wichtig, es jedes Mal wieder auszusprechen. Dann wird das
Essen serviert – die Augen meines Kindes leuchten so sehr
von dem was da geboten wird und ich sage vielleicht noch ein hilfloses:“
das ist aber etwas viel, gelt du lässt dann noch etwas übrig“.
Das tut meine Tochter auch – nur ist das was übrig bleibt
so wenig, dass man es eigentlich fast übersehen kann.
Was als jüngere Mutter an „fighten“ drin lag, dafür
reicht nun manchmal einfach meine innere und äussere Kraft
nicht mehr aus, und der Gedanke „es ist ja sowieso aussichtslos“
schleicht sich dann auch rasch mal ein. Das ist nicht gut, das tut
mir nicht gut und gewiss auch nicht meiner Tochter.
Ich habe gelernt, wenn sich solche Szenen wiederholen, achtsam
zu sein.
Eines ist mir dann wichtig: es nützt mir nicht, wenn ich dann
mit mir schimpfe. Ich weiss, meistens komme ich mit meiner Aufgabe
ganz gut zu recht und es macht mir nichts aus, die Extras zu beachten:
nicht nur im Bereich des Essens – auch in anderen Belangen.
Es nützt mir, wenn ich meine Situation betrachte, mir auch
zugestehe, dass es manchmal fast zuviel ist, mir zugestehe, dass
ich auch mal müde sein darf und dass ich deshalb keine schlechte
Mutter bin.
Es nützt mir, wenn ich dann konkret etwas für mich tue.
Es ist schon so, wenn man schon auf eine längere Karriere
als Eltern zurückblickt, erlebt man, dass der Faktor Müdigkeit
zunehmend eine grössere Rolle spielt. Es ist dies einerseits
eine natürliche Folge und gehört zum älter werden.
Auf der anderen Seite sind wir Eltern auch schon sehr lange „dran“,
wir leben, wenn wir älter werden, durch unsere spezielle Aufgabe,
nicht immer „altersgerecht“. Wir wissen, dass diese
Gegebenheiten, mehr oder weniger ausgeprägt, so bleiben werden,
solange wir dies irgendwie schaffen, solange wie wir „da“
sind. Auch wenn unsere erwachsenen Kinder vielleicht nicht mehr
immer zu Hause sind und wir partiell oder zeitweise die Verantwortung
übergeben dürfen, im Hintergrund bleiben wir doch immer
die sorgenden Eltern. Entscheidungen fällen meistens wir, und
Präsenz, wenn es „brennt“, bleibt so lange wie
möglich auch unsere Aufgabe.
Bei Zeichen von Müdigkeit habe ich gelernt hellhörig zu
sein und ich weiss, was mir gut tut. Je nach Situation ist es vielleicht
nur, dass ich mir eine allerkleinste Zeitnische für mich allein
nehme. Das kann sein, dass ich in der Küche die Töpfe
beiseite stelle, in der Familie anmelde, dass das Essen eine Viertelstunde
später stattfindet (und Protest in Kauf nehme!) und dass ich
mich einfach mal in den Garten setze und ein wenig durchatme. Eine
Freundin benannte das einmal, „sich kurzzeitig zu sich selbst
davonzumachen“. Manchmal ist es wirklich nur ein Innehalten,
und es genügt, kurz die Augen zu schliessen und tief durchzuatmen.
Vielleicht jedoch brauche ich mehr – bestimmt dann, wenn ich
die Signale schon längere Zeit nicht ernst genommen habe.
Dann muss ich der sich allmählich einschleichenden chronischen
Müdigkeit, mit anderen Mitteln begegnen, mich ernst nehmen,
bevor es ernst wird.
Ich habe für mich gute Lösungen gefunden, teilweise ganz
einfache, ich muss sie nur bewusst einsetzen. Jeder Mensch weiss,
was ihm gut tut, was ihm hilft. Zum Beispiel bekommt eine Lese-
oder Spatzierstunde für mich eine ganze andere Wirkkraft, wenn
ich sie bewusst als Gegenkraft zur „Mutter-Müdigkeit“
einsetze. Zu jeder Lösung gehört - das ist das Geheimnis
ihrer Wirkung - dass ich mir deutlich sage, „dieses oder jenes
tue ich jetzt für mein Wohlbefinden“.
Und wenn eine mehrtätige Auszeit wichtig ist: es gibt Ehemänner,
Partner und Freundinnen und Freunde. Wie, wenn man ihnen auch mal
etwas mehr zumutet?
Eltern behinderter Kinder sind in vielen Belangen ganz anders gefordert,
als Eltern in durchschnittlichen Familien. Das ist eine Tatsache.
Die Gefahr, früher oder später ausgebrannt und „am
Ende“ zu sein, ist gross.
Ich bin überzeugt, dass wir Eltern unsere ganz persönlichen
Strategien finden können. Gelingt uns das allein nicht so gut,
gibt es heute glücklicherweise genügend Möglichkeiten
sich Rat zu holen: Lektüre, Beratung, Kurse zum Thema, Therapie
etc..
Uns selbst zu helfen, das sind wir uns und auch unserem Partner
und unseren Kindern schuldig.
Ich las einmal folgende Worte, die mir wichtig geworden sind:
„Dass die Vögel des Kummers und der Sorge
Über deinem Haupt fliegen,
kannst du nicht verhindern.
Du kannst aber verhindern,
dass sie in deinen Haaren Nester bauen.“
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