Essen und der Familienalltag
Karin Ammann
Fabienne (14J.)
Wenn ich in Fabienne`s Fotoalbum zurückblättere bis zum
Kleinkindalter stehe ich vor Situationen, die damals schon eindeutig
auf die Essproblematik vom PWS hinwiesen. PWS war für mich
damals noch ein Fremdwort, bei Fabienne stand die Diagnose erst
mit 2 ½ Jahren fest - gewisse Verhaltensweisen wurden somit
erklärbar.
Kaum hatte sie eine Möglichkeit gefunden, sich auch ohne gehen
zu können fortzubewegen (auf dem Hosenboden rutschend oder
auf dem Rutscherauto sitzend), war sie auf Essenssuche – sehr
oft natürlich erfolgreich.
Dieser Drang ist bis heute geblieben, hat sich mit den Jahren verstärkt
und beeinflusst heute unseren Alltag sehr. Mit zunehmendem Alter
und grösserer Eigenständigkeit wurde die Kontrolle immer
schwieriger. Der Kühlschrank und ein anderer Schrank sind seit
Jahren mit einem Schloss versehen – die Schwierigkeit dabei:
wo wird der Schlüssel am besten versteckt?
Fabienne ist das zweitälteste von vier Kindern. Die Geschwister
müssen natürlich mittlerweile Mitverantwortung tragen
bei der Essenskontrolle von Fabienne – ein Punkt, der eben
nicht immer klappt. Sie ist aufmerksam, sie findet alles. Ihr entgeht
kein Rucksack, der nach der Schulreise achtlos hingelegt wird und
noch Reste vom Picknick enthalten könnte, kein Kuchenrest,
der noch auf dem Tisch steht, wenn ich den Besuch zur Tür bringe
– man könnte noch viele alltägliche Situationen
anfügen, in denen eigentlich keiner von uns nachlässig
sein dürfte.
Die Alltagssituation der Geschwister hat sich die letzten Jahre
ebenfalls verändert. Immer mehr stellt sich die Frage, wie
ich den sehr unterschiedlichen Essbedürfnissen der einzelnen
Kinder gerecht werden kann, ohne dass ständig Konflikte entstehen.
Fabienne fehlt es meist gänzlich an Verständnis und Toleranz
für unterschiedliche Behandlung. Sie versteht nicht, dass Pascal,
16 Jahre alt und im ersten Lehrjahr als Automechaniker, nach einem
harten Arbeitstag mehr Hunger hat und ein reichhaltigeres Nachtessen
braucht als sie nach einem normalen Schultag. Ihr Gerechtigkeitssinn
(für alle das gleiche und für alle gleichviel) ist sehr
ausgeprägt, ihre Kontrolle auch.
Für mich ist oft schwierig abzuschätzen, ob die Geschwister
mit dem grossen Anspruch an Mitverantwortung und Disziplin umgehen
können. Die Pubertät an und für sich verlangt von
ihnen viel Auseinandersetzung mit sich selbst, den Kollegen, der
zunehmend strengeren Schulsituation – da überfordern
Diskussionen ums Essen oft und stossen auf wenig Verständnis
und Toleranz – manchmal verständlich…..und doch
geht’s nicht anders.
Dass es gewisse Dinge in unserem Haushalt einfach nicht oder nicht
mehr gibt, damit haben sich alle nach einer Umgewöhnungszeit
mehr oder weniger arrangiert. Familiengetränk ist Mineralwasser
natur – zum Frühstück etwas Orangensaft –
für Fabienne zur Hälfte mit Wasser verdünnt –
ihr Kommentar dazu ist Standard. Letztlich überraschte sie
mich mit der Idee, von zuhause ausziehen zu wollen. Wohin –
das wusste sie auch noch nicht. Aber sie möchte zu jemandem
ziehen, der ihr den Saft bestimmt nicht mit Wasser verdünnen
würde.
Seit sie vor drei Jahren bei Silvan Bussmann in den Ferien war,
akzeptiert sie wenigstens dauerhaft die fettarmen Milchprodukte
wie Joghurt und Milch. Es musste aber genau die gleiche Milchpackung
sein, die Silvan zuhause hatte – das kleinste Problem! Da
geniesst sie ihre Sonderbehandlung gegenüber den Geschwistern
und verteidigt ihren Vorrat im Kühlschrank vehement. Das PWS-Lager
in Davos, an dem sie sehr gerne teilnimmt, hat ihr gezeigt, dass
es noch andere Kinder mit den gleichen Einschränkungen leben
wie sie – eine gute und eindrückliche Erkenntnis für
Fabienne.
Was mich oft nachdenklich und auch etwas traurig macht: Dass es
bis heute nicht möglich wurde – und es wahrscheinlich
auch nie werden wird – die Essproblematik mit Fabienne gemeinsam
anzugehen. Diese Tatsache tut mir leid.
So könnte ich noch viele Begebenheiten aus unserem Alltag anfügen,
ein kleiner Einblick in unsere Problematik im Umgang mit dem Essen
ist aber mit obigem Bericht sicher gegeben.
Abschliessend möchte ich festhalten, dass ich mich in meinen
Ausführungen auf die spezielle Situation rund ums Essverhalten,
das uns wirklich tagtäglich beschäftigt, beschränkt
habe. Dass dabei ein etwas düsteres, negatives Bild entsteht,
lässt sich leider nicht verhindern.
Der Alltag bringt aber immer auch täglich helle Momente, Fabienne`s
Zuneigung erfahren dürfen, ihre Fröhlichkeit, spezielle
Gespräche, Überlegungen, Ideen, mit denen sie mich überrascht
– Momente, die ich bewusst geniesse und die ich mir in schwierigen
Situationen in Erinnerung rufen kann.
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