Nun ist
es geschehen - was, wie man sonst so oft denkt, doch nur "anderen
Leuten" passiert: Sie haben ein "Problemkind" - ein
Kind mit dem Prader-Willi Syndrom. Vielleicht ist es Ihr Baby, das
Sie freudig erwartet haben und wovon Sie seit neun Monaten geträumt
haben. Oder es ist Ihr Kleinkind, das man nun diagnostiziert hat.
Vielleicht ist Ihr Kind sogar schon etwas älter. Wie alt es
auch immer ist, sie werden bestimmt um das Kind trauern, das Sie
nicht gekriegt haben - das schöne normale Kind Ihrer Träume.
Zuerst kommt Ablehnung: "Nein, es kann nicht sein. Das kann
nicht mir, meinem Kind und meiner Familie passieren." Und
vielleicht sind Sie wütend, weil es eben doch geschehen
ist. Vielleicht merken Sie auch, dass Sie den Arzt hassen, der
Ihnen den schlechten Bescheid gegeben hat. Oder Sie hassen andere
Eltern, deren Kind
"in Ordnung" ist, oder sogar Ihr eigenes Baby oder Kind.
Vielleicht spüren Sie Verzweiflung, wenn Sie versuchen, den
Tatsachen in die Augen zu blicken, und merken, dass es lange
dauern wird, bis Sie diese wirklich akzeptieren können.
Wichtig ist, dass Sie Ihre Gefühle nicht verdrängen.
Sie sind da, und sie sind real. Im Moment, wo Sie merken, dass
Sie Ihr Kind hassen, werden Sie als nächstes auch sich selbst
hassen. Gefühle
der Wut, Angst und Verzweiflung, die Sie beinahe überwältigen,
müssen an einem sicheren Ort ausgesprochen werden können,
wie negativ auch immer sie sind. Wenn man solche Gefühle
zulässt,
sie ausdrückt und damit umgehen lernt, bewältigt man
nicht nur sie selber besser sondern auch die Anforderungen, die
bei einem Kind mit PWS zwangsläufig auf Sie zukommen. Wer
kann Ihnen aber einen solchen sicheren Ort der Aussprache bieten?
Es sollte jemand sein, dem Sie als unvoreingenommenen Zuhörer
trauen; der bereit ist, Ihnen Gehör zu verleihen, wenn Sie
es brauchen, und der, was Sie sagen, vertraulich behandelt. Wäre
dies für
Sie ein Familienmitglied? Ein guter Freund oder eine gute Freundin?
Ein Seelsorger, Pfarrer oder Rabbi? Eltern- Selbsthilfegruppen
können
diese Art von Unterstützung bieten wie auch die Gewissheit,
dass Sie nicht allein sind. Sogar das Internet mit seiner E-mail
Diskussionsliste kann hilfreich sein. In manchen Fällen werden
Sie eventuell auch eine professionelle Beratung aufsuchen wollen.
Nun gibt es aber noch mehr zu bedenken als nur Sie und Ihr Kleines.
Zum Beispiel Ihre Ehe. Ihr Mann oder Ihre Frau ist wichtig wie zuvor.
Eine Ehe ist wie eine grüne Pflanze - solange sie regelmässig
Wasser kriegt, ist sie gesund und wächst. Sobald sie vernachlässigt
wird, geht sie ein oder welkt zumindest. Reservieren Sie sich Zeit
für einander, drücken Sie sich Ihre Wertschätzung
aus, trösten Sie sich gegenseitig und unternehmen Sie Dinge
zusammen, die nichts mit Ihrem Kind oder Ihren Kindern zu tun haben.
Dies ist oft eine Zeit grosser Belastung für eine Ehe, besonders
wenn die Ehepartner verschieden trauern oder unterschiedlich intensiv.
Manchmal vergräbt sich der Mann in seiner Arbeit und ist sowohl
emotional als auch physisch für seine Frau nicht präsent,
während sie vielleicht ständig darüber sprechen möchte.
Oder die Frau konzentriert sich derart auf die Bedürfnisse
des Kindes, dass sie keine Zeit mehr für ihren Mann hat. Wenn
Sie also merken, dass es Ihrer Ehe nicht besonders gut geht, bemühen
Sie sich, baldmöglichst eine Beratung aufzusuchen. Sie sind
schon genug unglücklich - machen Sie sich nicht noch unglücklicher
Und falls sie auch andere Kinder haben, vergessen Sie diese nicht.
Ihr Leben sollte sich nicht ausschliesslich um das Kind mit PWS
drehen. Bestimmt - Sie werden zeitlich, kräftemässig und
emotional gefordert sein, aber Ihre andern Kinder brauchen Sie auch.
Sie können eine Quelle des Trostes und der Freude sein, wenn
Sie ihnen Platz gewähren. Ja, sogar trotz Quengeleien, kaputtem
Spielzeug und Schnupfen!
Schaffen Sie sich Zeit, um den Rest Ihrer Familie und andere Teile
Ihres Lebens zu geniessen. Spielen Sie gerne Karten oder Tennis?
Möchten Sie im Kirchenchor mitsingen? Wie wäre es mit
der Leserunde, zu der Sie eingeladen worden sind? Oder ein Erholungs-
Wochenende mit Ihrem Mann oder Ihrer Frau? Gönnen Sie sich
das! Finden Sie Platz für Ihre eigenen Interessen, so dass
Sie sich nicht selbst aus den Augen verlieren. Scheuen Sie sich
nicht, jemanden zu bitten, sich während solchen Momenten um
Ihr Kind zu kümmern, seien es Leute, die speziell geschult
sind dafür, Babysitter, Grosseltern, Verwandte oder Freunde.
Bringen Sie ihnen bei, was sie wissen sollten; probieren Sie aus,
ob sie der Aufgabe gewachsen sind; und trauen Sie ihnen zu, dass
es klappt. Fordern Sie von Ihrem Kind Disziplin, während es
heranwächst. Denken Sie aber daran, dass Disziplin
nicht Strafen bedeutet sondern Beibringen:
Bringen Sie Ihrem Kind bei, was angemessen ist und was nicht und
was von ihm erwartet wird und was nicht. Die Tatsache, dass Ihr
Kind PWS hat, heisst nicht, dass es bemitleidet und nicht so gefordert
werden sollte, wie Sie jedes andere Kind fordern würden. Sie
möchten ja bestimmt, dass Ihr Kind ein gesundes Selbstwertgefühl
entwickelt und sich gut in die Gesellschaft integrieren kann. Konsequente
Disziplin und realistische Erwartungen sind wichtige Faktoren auf
dem Weg zu diesem Ziel.
Beachten Sie auch die Stärken Ihres Kindes - d.h. was es
kann. Es gibt Menschen mit PWS, die Pfadfinder geworden sind, die
Reitmedaillen gewonnen haben, die in Tanzaufführungen, Filmen
oder Gemeindeprojekten mitgewirkt haben, die an Ausbildungstagungen
zum Thema PWS gesprochen haben und vieles mehr! Sie alle haben ihren
Eltern nicht nur Probleme bereitet sondern auch Freude. Zugegeben
- niemand mit dem Syndrom hat bis anhin in einem professionellen
Fussballteam mitgespielt, ist in ein öffentliches Amt gewählt
worden oder hat einen Bestseller geschrieben. Aber wer weiss, was
noch werden kann?
Last but not least, vergessen Sie das Lachen nicht. Manchmal
wenn wir nicht lachen, weinen wir. Vielleicht ist Ihnen im Moment
nicht nach Lachen zumute, aber Sie werden bestimmt wieder lachen.
Pflegen Sie diese Fähigkeit! Ihr Kind wird lustige Dinge
sagen und tun, während es heranwächst. Geniessen Sie
diese Momente, schreiben Sie sie auf und lachen Sie bewusst. Schliesslich
heisst Eltern eines Kindes mit PWS sein auch, das Gute im Leben
sehen zu lernen.
Wissenswertes zu einer neuen Diagnose Ihres
Kindes, übersetzt aus dem Amerikanischen von Laura Villiger
("Words of Wisdom for the newly diagnosed" from Lota
Mitchell, M.S.W., The Gathered View, June-July 00)
www.ipwso.org
Bei Fragen nehmen Sie bitte mit uns Kontakt auf,
wir helfen Ihnen gerne weiter.
Ihre PWS-Vereinigung |